Unterm Strich gefällt mir die Redewendung „am Ende des Tages“. Oder umgekehrt.

Die Redewendung „am Ende des Tages“ ist definitiv auch bei uns angekommen – inzwischen sogar im Schweizerdeutschen. Kein Tag vergeht, vor dessen Ende sie mir nicht ein paar Mal begegnet ist.
Es ist eine aus dem englischen entlehnte Wendung. Doch obwohl sich mir in der Regel die Nackenhaare sträuben begegne ich einer Manifestation von Verenglischung unserer Sprache, und trotz der Tatsache, dass der englische Originalausdruck „at the end of the day“ schon 2009 zur ärgerlichsten Bürofloskel des Jahres gekürt wurde – ich kann dieser Neuerung etwas abgewinnen. Ist sie doch ein klein wenig poetischer als die deutsche Entsprechung eher buchhalterischer Herkunft, die sie nach und nach ersetzt: Unter dem Strich.

Über das Pendeln

Ich pendle. Seit über 22 Jahren. Damit bin ich eine von 2500 GlarnerInnen, die mit dem Zug zur Arbeit fahren. Aus dem Kanton Glarus fahren mehr Menschen zur Arbeit raus als rein, im Kanton Zürich, meinem Pendelziel, ist es umgekehrt. 85’000 Menschen mehr fahren rein als raus.
Im Durchschnitt pendeln Schweizer PendlerInnen 14.5 km pro Strecke und brauchen dafür 29 Minuten. Ich brauche für die 75 Kilometer 80 Minuten, und bin damit gefährdet. Gefährdet, unglücklich zu werden, gefährdet, Kopfscherzen (1), Verdauungsprobleme, Schlafstörungen oder gar hohen Blutdruck oder Beziehungsprobleme zu bekommen. Sagt eine „amerikanische Studie“, die die Unglück-Schwelle bei 50 Minuten pro Arbeitsweg ansagt.
Das ist wohl nicht ganz falsch, gilt aber nicht uneingeschränkt: Die FAZ konsultiert zum selben Thema einen Arbeitspsychologen. Dieser hält fest: „Pendeln heute für viele Arbeitnehmer Teil ihrer beruflichen Selbstverwirklichung ist. War der Job früher ausschließlich zum Geldverdienen da, ist er heute für viele Menschen Teil ihrer Persönlichkeit. Man identifiziert sich stärker mit dem Beruf und will nicht einfach irgendwas machen. Für diese Menschen ist das Pendeln deshalb oft das kleinere Übel.“
Ich pendle nicht leidenschaftlich gern. Aber besonders schlimm finde ich es auch nicht. Zugegeben – es gibt eine Reihe von Umständen, die es mir leichter machen: 50 der 80 Minuten lege ich im nicht überfüllten Schnellzug zurück und kann es mir leisten, erster Klasse zu fahren. Die restlichen 30 Minuten kann ich, wenn ich möchte, zu Fuss zurücklegen, auf Kieswegen oder dem Wasser entlang. Ich habe einen schönen Arbeitsweg.
Wichtiger noch ist aber, dass ich mich nicht gezwungen fühle. Klar, ich hätte lieber einen kürzeren Arbeitsweg.
Ich liebe meine Arbeit, sie ist sinnvoll, interessant, nie langweilig, sie passt zu mir und meinen Werten und ist dadurch ein wichtiger Teil meiner Identität. Arbeitsstellen wie diese sind (fast) nur in der Stadt zu haben. 
Gleichzeitig wohne gern da, wo ich wohne. Ich möchte nicht in der Stadt leben, mit einem Überangebot an Möglichkeiten, die mich eher lähmen als inspirieren. Ich möchte nicht in der Stadt leben und Tag für Tag von Verkehrslärm oder Menschenkrach geweckt werden. Ich möchte, dass es Nachts dunkel und ruhig ist. So habe ich eine Wahl getroffen.
Dass mich Pendeln nicht unglücklich macht, macht mich zwar auch nicht gerade zur Pendlerin aus Leidenschaft und Überzeugung – aber ich habe mich damit arrangiert und bin soweit zufrieden.

 

Das würde ich in der Stadt vermissen: Die Natur vor der Haustür (fast jedenfalls).

Quellen:

 (1) Ja, ich habe den Tippfehler gesehen, resp. bin darauf hingewiesen worden. Ich finde ihn aber zu schön, um ihn zu korrigieren.

Spielende Rebellinnen

Immer wieder vor Weihnachten wird viel zum Thema gegendertes Spielzeug geschrieben. Selber muss ich mich nicht mit rosafarbenem Plastik auseinandersetzen, ich habe keine Töchter und auch keine Gottenmeitli. Als Feministin und als Bubenmutter finde ich das Thema aber dennoch wichtig. Nur denke ich, dass viele KommentatorInnen einen wichtigen Aspekt übersehen.

Das Spielverhalten von Mädchen und Buben unterscheidet sich, so sehr man sich als Erziehende auch Mühe gibt, Gegensteuer zu geben oder nicht zu beeinflussen. Aber es ist nicht, wie viele meinen, in erster Linie das WOMIT, sondern das WIE, in dem sich das Spielen unterscheidet. Mädchen spielen häufiger kooperative Rollenspiele, in denen viel kommuniziert wird. Wenn in der Puppenecke ein Werkzeugkasten wäre, würde es mich nicht erstaunen, wenn die Mädchen gemeinsam Haus reparieren spielen würden – aber mit viel Reden, Reden, Reden.

Interessieren würde mich, wie gut sich die Mädchenlinie „rebelle“ der (damit keine Missverständnisse aufkommen: grundsätzlich absolut unsäglichen, egal in welcher Gendervariante!) Nerf-Spielsachen verkauft. Ich vermute, Nerf hat damit vieles richtig gemacht: Die Dinger heissen „rebelle“, und verschiessen nicht nur Schaumstoffpfeile, sondern auch Botschaften. „justice for all“, „you rock“, „love&peace“ steht auf den Pfeilen. Frau kann damit also nicht nur kämpfen – für Gerechigkeit und Frieden, suggerieren die Spielsachen -, sondern auch kommunizieren.

Das ist Nerf Rebelle:

Der interessanteste Beitrag zum Thema in diesem Jahr stand übrigens in der NZZ. Lesenswert!

Unter Lemmingen (TEDx Zurich 2013)

Letzten Mittwoch war ich an der TEDx-Konferenz in Zürich. Die TED- und TEDx-Konferenzen sind Veranstaltungen mit Kurzvorträgen zu unterschiedlichsten Themen, unter dem Motto „ideas worth spreading“. Die Ursprünge gehen bis in die 80er Jahre zurück, TED war ursprünglich eine sehr exklusive Sache, aber seit 2006 gibt es eine Website mit Aufnahmen der speeches an den TED-Konferenzen, und seit 2009 Lizenz-Ausgaben im TED-Format (max. 18 Minuten, alles wird gefilmt und online gestellt).
Ich sehe mir seit ein paar Jahren schon regelmässig TED-Talks im Web an. Ich finde sie meistens anregend, oft unterhaltsam. So dachte ich mir, wenn es schon in Zürich eine TEDx gibt, möchte ich mal teilnehmen. Auch wenn mir der Anmeldeprozess gar nicht passt – ich finde es nicht nachvollziehbar, dass man sich um einen Platz im Publikum (600 Plätze!) bewerben muss, wenn doch gar nicht vorgesehen ist, dass sich das Publikum an der Diskussion beteiligt. Aber es gibt dem Ganzen einen exlusiven, leicht elitären Touch.
Der Tag war toll, klar. Die Organisation 1A, der Ort interessant (Studio 1 von SRF), das Catering hervorragend, die Pausengespräche anregend. Es war ein Tag wellness fürs Hirn. Ob es mir inhaltlich viel gebracht hat, wage ich zu bezweifeln – es hat einfach gut getan, Leuten zuzuhören, die ähnlich „ticken“ wie ich, aber neue Anregungen, Ideen, auf die ich selber jetzt noch nicht gekommen wäre, gab es eigentlich nicht.
Das hat wohl hautpsächlich den Grund, dass die 17 (!) Vorträge überhaupt nicht thematisch gebündelt waren. So standen sie nebeneinander, die Ideen traten nicht in Bezug zueinander. Die Pausengespräche drehten sich denn auch nicht um die Vorträge, sondern um andere Themen.

Was mir blieb, waren ein paar Erkenntnisse auf der Meta-Ebene.
– Das Publikum ist erstaunlich unkritisch. TED muss einfach gut sein, das steht irgendwie zu Beginn schon fest. Aber nicht alle speeches waren gut, ein paar waren hervorragend, einige durchschnittlich, einige aber auch wirklich nicht gut – weder spannend vom Inhalt her, noch gut gemacht. Ich finde das nicht schlim – 17 Mal mindblowing hätte ich nicht verarbeiten können. Aber dass kein kritisches Wort, nur kollektives Frohlocken und Lobpreisen zu hören ist, irritiert mich sehr – wie wenn TED eine Religion wäre und kritische Äusserungen Blasphlemie?
– Es ist schwierig, nicht auf den Bildschirm zu schauen, auf dem der Life-Referent zu sehen ist – meistens sah ich die Referenten auf dem screen und gar nicht in echt. Obwohl meine Sicht auf die Bühne hervorragend gewesen wäre.
– Twitter müsste dringend eine Zeitsperre haben. Wenn die Leute immer sofort twittern, was sie als spannende Aussage anspringt, werden sie zu Aphorismen- und ZitatesammlerInnen. Die Qualität der Tweets entspricht Kalenderspruchplattitüden. Eine Reflexionspflicht wäre qualitätsfördernd.
– Zeige den Leuten ein Bild einer Plüschausgabe des Higgs Bosons, und sie interessieren sich mehr dafür, wo sie so eins herbekommen als für den Vortrag.
– Söhne im Teenageralter können es nicht fassen, wenn man sagt, man habe einen Vortrag von Ian Livingstone gehört (das ist der „Ziehvater von Lara Croft“). Und sind für einmal neidisch auf ihre Mutter :-).
– Die grösste Relevanz für meinen Alltag hatte wohl der Vortrag von Judith Simon zum Thema „who is responsible if things do things“. Sie gab uns „Hausaufgaben“ – uns zu überlegen, wo wir welche Spuren hinterlassen, und gegebenenfalls etwas dagegen zu tun. Ghostery und trackmenot sind z.B. tools dafür.
Alles in Allem: TED-talks werde ich weiterhin anschauen, viele, ganz sicher. Aber nochmal an eine TEDx? Eher nicht. Ausser, ich treffe auf eine, die thematisch eingegrenzt angelegt ist.

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Der Wissenschaftsstreit um die neolithische Revolution und ein paar Gedanken zum Lernen

In der NZZ vom 27. April war von einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung zum Thema neolithische Revolution zu lesen. In nuce geht es darum, ob sich Ackerbau und Viehzucht als Idee verbreitete, während die Menschen blieben, wo sie waren, oder aber durch Migration mitsamt den migrierenden Menschen. Eine neue Studie hat südeuropäische DNA in Norderopa nachgewiesen.

Was hat das mit uns zu tun? Die zwei Richtungen der Steinzeitforscher liegen zwei verschiedene Konzepte des Lernens zu Grunde: Einerseits Lernen über Einsicht, andererseits Lernen über Nachahmung. Zumindest in der Umweltbildung haben wir einsehen müssen, dass das Verkünden einer zukunftsträchtigen Idee allein wohl noch nicht ausreicht (sind massive persönliche Vorteile im Spiel, mag das Bild etwas weniger eindeutig aussehen). Vorbilder müssen her, die entweder erfolgreich oder sonst irgendwie überzeugend sind. Aufgrund meiner Erfahrung tendiere ich daher dazu, den DNA-Forschern eher zuzustimmen als den Idee-Theoretikern.

neolithische revolution

Choice overload – Nachhaltigkeit als Lebenshilfe

Wir leben in einer Zeit mit zu viel Auswahl. Jeden Tag müssen wir unzählige Entscheidungen treffen.  Es sind nicht mehr Eltern, das Dorf, die Religionsgemeinschaft, die Tradition etc., die einem viele Entscheidungen abnehmen, wir müssen es selber tun. Und damit nicht genug: Wir müssen uns auch bei jeder Entscheidung zwischen immer mehr Optionen entscheiden. Wir können alles haben, überall, jederzeit.

Dies führt bei vielen Menschen zu Überforderung. „Choice overload“, ist das Stichwort. Choice overload erschöpft, lähmt, macht unglücklich. Man kann dem begegnen, in dem man sich bewusst zu machen versucht, was für ein Entscheidungstyp man selber ist und gegebenenfalls seine Heuristiken (d.h. Entscheidungsregeln) bewusst anpasst. Ein paar interessante Anregungen dazu gab letztes Wochenende die Radio-Sendung Input auf DRS3, nachzuhören hier.

Eine wichtige Erkenntins aus der Neuropsychologie habe ich mir herausgepickt: Die Entscheidung fällt leichter, wenn man sich nur zwischen zwei Optionen entscheiden kann. Also kann man anhand einer persönlichen Kriterienliste vorgehen, und die Optionen sortieren nach „Kriterium erfüllt – Kriterium nicht erfüllt“. Kriterium für Kriterium reduzieren sich so die Optionen, über die man überhaupt noch nachdenken muss. Natürlich ist dabei matchentscheidend, Kriterien zu definieren, die nicht für jede Entscheidung neu gefunden werden müssen, sonst ist man gleich weit wie vorher!

Unsere grosse Wahlfreiheit ist die Folge einer grossen Ungerechtigkeit. Nicht alle Menschen haben überhaupt eine Wahl. Noch nie und nirgends sonst haben die Menschen so viel Auswahl wie wir heute, Anfang des 21. Jahrhunderts, wie wir  hier, in den reichen Ländern dieser Welt. Ein erstes Kriterium für eine neue Heuristik könnte also sein: Ist meine Entscheidung, meine Wahl nachhaltig, sowohl sozial wie ökologisch?

In diesem Sinne könnte man nachhaltige Handlungsempfehlungen als Lebenshilfe verstehen, als eine griffige Erst-Heuristik im Zuviel der Wahlmöglichkeiten.

In Kanada ist heute WWF-Sweater-Day

Heute ist in Kanada „National Sweater Day“, ein Klima-Aktionstag. Als WWF-Mitarbeiterin und Strickerin gefällt mir das natürlich extrem gut :-).

Die zentrale Botschaft: Dreht den Thermostat 3 Grad zurück und zieht heute einen möglichst ausgefallenen Pulli an!

Man kann auf Facebook auch seinem Profilbild einen „hübschen“ Pulli anziehen  (die, die ich jeweils offline stricke, sind zum Glück schöner…)!

http://wwf.ca/takeaction/sweater_day/

Die neue Twist Collective – Ausgabe ist ebenfalls online.

… und die ist einfach super!

http://twistcollective.com

Die neue „Knitty“-Ausgabe ist online.

Sie lässt mich sprachlos. Kopfschüttelnd sitze ich vor dem PC. Das ist ein Aprilscherz, hoffentlich? Und die Ernst gemeinte Ausgabe kommt noch?

Winter-Ausgabe Twist Collective

Die Winterausgabe von Twist Collective ist da.
Und bei der Jacke Kelmscott musste ich heftigst  nach Luft schnappen!!! (will – ich – haaaaben!!!)

Auch alles andere ist wie immer wunderschön. Diesen Winter hat Twist Collective offenbar eine Fair-Isle-Accessoires-Phase. Mit Eisbärenmützen habe ich es nicht so, aber die Farbkombination des Sets orvokki ist ganz wunderbar!

Aber geht hin und schaut selbst!

tc_kelmscott