Studienreise von Fusionsgemeinde zu Fusionsgemeinde

Letzte Woche verbrachte das Büro des Parlaments Glarus Nord, dessen Vizepräsidentin ich bin, zwei Tage im Val de Travers auf Studienreise. Wir besuchten eine Parlamentssitzung – die letzte der Legislatur – und fast alle Sehens- und Drinkwürdigkeiten des Tals. Die grüne Fee haben wir ganz knapp nicht gesehen, es heisst, man sähe sie erst ab dem 11. Glas…

Val de Travers ist eine fusionierte Grossgemeinde aus 9 ehemaligen Kleingemeinden. Die Fusion hat ähnliche Dimensionen wie unsere in Glarus Nord und fand zwei Jahre vorher statt. Auch das Wappen ähnelt demjenigen von Glarus Nord – und das gab vor fast einem Jahr den Ausschlag, dass ich dem Büro vorschlug, mit Val de Travers Kontakt aufzunehmen. Die Diskussion mit den Gemeinderäten (nix -Innen…) und beim Nachtessen auch mit den ParlementarierInnen brachte Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Tage, die Stoff für Überlegungen bieten. Ich wusste z.B. nicht, dass es Gemeinden gibt, die die Gemeinderäte nicht in Volkswahl direkt wählen, sondern durch das Parlament. Das hat durchaus seine Vorteile! Und ein paar Auswirkungen, die uns im Vorfeld irritierten, nun aber klar sind: Der Gemeinderat führt im Auftrag des Parlaments die Geschäfte der Gemeinde, und somit ist es der Gemeinderat, der uns eingeladen hat. Für uns war das zuerst die falsche Ebene – aber aus der Realität der Gemeinde Val de Travers heraus logisch. Auch sind die Gemeinderäte Vollzeit angestellt, und nicht wie bei uns 20-30%. Dafür sind sie operativ stärker aktiv, sie sind gleichzeitig auch als Bereichsleiter tätig. Es war auch spannend zuzuhören, wie die Diskussionskultur in einem anderen Parlament aussieht.

Wir wurden insgesamt sehr herzlich empfangen und bewirtet, die Zeitung berichtete im Voraus über unseren Besuch. Das hatte zur Folge, dass ein sehr netter alter Herr, Zweifel mit Namen und aus Linthal stammend, an die Parlementssitzung kam um uns zu begrüssen. Er ist seit 62 Jahren im Val de Travers wohnhaft.

Der Status von offiziellen Gästen hat auch zur Folge, dass man Zutritt zu exklusiven Lokalitäten oder Produkten bekommt. Unser Besuch begann im L.U.C.eum in Fleurier, das ist das Privat-Museum der Besitzerfamilie von Chopard. Ich werde mir nie im Leben eine Chopard-Uhr leisten können, aber das Museum ist fantastisch, und nicht öffentlich – normalerweise nur für gute Kunden zugänglich. Das Museum zeigt Meilensteine der Uhrmacherei, und mir hatten es zwei Exponate besonders angetan, einerseits natürlich eine Drehbank:

Und andererseit eine Dezimalzeit-Uhr von Berthoud aus der Zeit der Französischen Revolution:

Nachdem es am Abend relativ spät wurde – dank des offiziellen 2012er-Absinths* der Gemeinde war das Durchhalten nicht besonders schwierig – war der zweite Tag nicht ganz einfach zu meistern ;-). Dennoch war das Val-de-Travers-„Pflichtprogramm“ wunderbar: Asphaltmine, Distillerie-Besuch, Creux du Van – alles war dabei. Es ist ein Glück, dass das unselige Absinth-Verbot aufgehoben wurde. Seither hat die Qualität und Vielfalt dieser gesunden Gebräue – zwei Nobelpreisträger hat das Val de Travers, NUR wegen des Absinths! ;-) – zugenommen. Unter dem Verbot waren die Flaschenetiketten jedoch sehr poetisch!

Am Sonntag waren dann Wahlen. Entsprechend aufgeregt waren unsere Gastgeber. Leider haben die socialistes nicht zugelegt – aber immerhin auch nicht verloren. Gewonnen haben die POP und die Grünen, und ein kleines bisschen die SVP – alle auf Kosten der mit einem Sitz Vorsprung auf die SP immer noch sitzstärksten FDP. Der GEmeinderat wird in der Zusammensetzung also nicht wesentlich verändert, der Fortsetzung der diplomatischen Beziehungen sollte nichts im Weg stehen.

 

* dieser wird jeweils am 24. Februar gekürt, dem Geburtstag der Abstimmung über die Einheitsgemeinde, im Rahmen eines Gemeindefestes, zu deren Programm eine symbolische „Landsgemeinde“ gehört.

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