„Tust du mir (einen) Gefallen?“:
Warum ich nicht bei sharely.ch mitmache

(CC) Emilio Quintano (eq on Flickr)

(CC) Emilio Quintano (eq on Flickr)

Share economy ist eines der Boom-Schlagworte der Stunde.

Nachbarschaftshilfe war bisher nicht mit Geld verbunden. Interessanterweise existieren im Netz sehr viele Projekte die auf dem Prinzip Nachbarschaftshilfe basieren – wenn es um Informationen geht, sind die Menschen sehr freigiebig. Bewertungen, Informationen, Tipps werden kostenlos weitergegeben – der open source Gedanke dahinter funktioniert. Dienste wie ask.fm, gutefrage.de und letztlich auch Wikipedia sind „Nachbarschaftshilfe“ mit Informationen im Netz, und viele user sind sehr freigiebig mit ihrem Wissen.*

Geht es jedoch nicht um Wissen, sondern um Gegenstände, funktioniert dieses Prinzip offensichtlich nicht mehr. Nachbarschaftshilfe im Netz gibt es nun gegen Geld. Und zwar nicht nur auf den virtuellen Flohmärkten (auch in den realen Flohmärkten geht es um Geld, aber auch dort meist um tiefere Beträge als auf ricardo.ch…), sondern auch, wenn Gebrauchsgegenstände nur ausgeliehen werden.

Klassische Nachbarschaftshilfe beruht auf Gegenseitigkeit, als Nutzen winkt  sozialer Austausch und Anerkennung und der Hoffnung, dass man selber auch mal in den Genuss eines Gefallens kommt (das Wort drückt  sehr gut aus, worum es dabei geht – gibst du mir, gefällst du mir). Ich habe noch nie einem Nachbarn einen Gegenstand für Geld ausgeliehen (höchstens mal für ein Bier – das wir dann aber zusammen trinken). in Der Share Economy geschieht aber genau dies: Ausleihen gegen Geld. Ein zutiefst kapitalistisches Konzept – wer die Produktionsmittel besitzt, macht den Gewinn. Wohingegen klassische Nachbarschaftshilfe im Sinne der Subsistenzwirtschaft funktioniert: Wenn ich meiner Nachbarin meine Leiter ausleihe, trau ich mich dann zu fragen, ob sie mir vielleicht den Garten giesst, wenn ich mal ein paar Tage weg bin. Und in der Summe geht das Spiel in der Regel auch (mehr oder weniger) auf.

Die Monetarisierung der Nachbarschaftshilfe degradiert soziale Beziehungen zu Geschäftsbeziehungen.  Für erschreckend wenig Geld sind die Menschen bereit, lieber Cash als soziale Anerkennung zu bekommen. Für einen Franken pro Tag kann man z.B. eine Heissleimpistole oder einen Mixer mieten.

Die Share Economy macht unser Leben nicht sozial reicher. Wir müssen bloss weniger Geld ausgeben. Ob das dazu führt, dass der Fussabdruck der NutzerInnen sinkt, oder ober er sogar steigt (da mehr Geld für andere Konsumgüter, schlimmstenfalls für Flugreisen, zur Verfügung steht) – da bin ich mir nicht so ganz sicher…

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* Dass diese Freigiebigkeit kommerziell ausgebeutet wird, ist in diesem Zusammenhang ein Nebengedanke

2 Comments to “„Tust du mir (einen) Gefallen?“:
Warum ich nicht bei sharely.ch mitmache”

  1. Annemarie sagt:

    Ich find’s auch bedenklich, dass Teilen immer mehr ein Geben-für-Geld wird. Zum Glück gibt’s auch die völlig Gegenwert-freien geb-und-nehm Initiativen, wie http://www.pumpipumpe.ch oder https://www.couchsurfing.org/

    Nicht-monetäres bewerten eines Gefallens finde ich aber auch sehr spannend: Es kann Leute dazu anregen, (mehr) zu geben, weil sie weniger Angst haben, nie etwas zurück zu bekommen. Ein schönes Beispiel ist die Zeitvorsorge, die in diesem Artikel rührend vorgestellt wird:
    http://www.bernerzeitung.ch/schweiz/standard/Alte-Menschen-verdienen-Zeit/story/14556011

    Tja, und dann sind da die ganzen Start-ups, die ihr Gecshäftsmodell auf Teilen aufbauen udn die etablierten Unternehmen, die in der Sharing-Economy neue Potentiale schnupper. So recht zusammen passt das nicht. Und doch: wenn Unternehmen wie Mobility ökonomisch getrieben ein funktionierendes Netzwerk von geteilten Autos aufbauen, wenn Start-ups über Apps ermöglichen, freie Autos in der Nachbarschaft zu finden und damit den Kauf eines privaten Autos unatraktiver machen, dann ist das gut für den Planeten, oder? Stell dir vor Apple würde ein Geschäftmodell entwickeln, bei dem man für die Nutzung des Telefons zahlt, nicht für das Telefon selbst – wenn dadurch Smartphones geteilt würden. Ist das nicht das „Entkoppeln des Wachstums von Materialverbrauch“, das die Umwelt-community schon lange fordert?

    Schwierig, wenn Ideale sich plötzlcih zum Mainstream entwickeln..Danke für’s Teilen deiner Gedanken, Katja!

  2. Elmar Grosse Ruse sagt:

    Die Bedenken kann ich nachvollziehen. Eine weitere Kommerzialisierung ist das Gegenteil dessen, was wir auf dem Weg in eine Postwachstumsgesellschaft bzw. zu einem suffzienten Leben brauchen.
    Aber ich würde die Sharing-Economy auch nicht komplett verteufeln (tust du ja auch nicht). Ich halte es da mit Niko Paech: Ob ein bestimmte – auch kommerzielles – Sharing-Angebot nachhaltig ist oder nicht, hängt vor allem von seiner Nutzung ab: Führt Airbnb dazu, dass die Unterkunftskosten meiner Reise sinken und ich deswegen mehr oder weitere (Flug-)Reisen mache – dann ist es sicher nciht nachhaltig! Führt Mobility aber dazu, dass ich mein Privat-Auto abschaffe und aufgrund dessen wiederum deutlich seltener fahre, dann ist das nachhaltig. Und gebe ich das durch (kostenloses oder kostenpflichtiges) Mieten statt Kaufen einer Bohrmaschine für einen grösseren Kühlschrank aus, dann ist das wiederum nicht nachhaltig.
    Also: Es sind nicht Angebote oder Produkte, die entscheiden – sondern wir Menschen!

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