„Zero Waste Home“ ist puristischer Blödsinn – Abfall möglichst reduzieren ist aber trotzdem richtig, liebe Calida

Am eco.naturkongress Ende März habe ich Béa Johnsons Projekt „Zero Waste Home“ kennen gelernt. Béa Johnson ist die Päpstin des abfallfreien Lebens, ihre Familie produziert einen Liter Abfall pro Jahr. Davon kann sie inzwischen gut leben: Sie hat einen Blog, sie hat Bücher geschrieben, sie fliegt (sic!) um die Welt, um den chicen und gesunden „zero waste lifestyle“ zu promoten. Ich habe diesem Projekt gegenüber mehrere Vorbehalte. Die wichtigsten:

  • Sie fliegt rund um den Globus um ihren Lebensstil zu promoten. Um diesen CO2-Ausstoss zu kompensieren, muss sie SEHR viele Menschen überzeugen.
  • Abfall ist bei weitem nicht die einzige – und erst recht nicht die wichtigste ! – Komponente eines nachhaltigen Konsums. Verpackte Lebensmittel können z.B. haltbarer sein als offene und Foodwaste entgegenwirken.
  • Offenverkauf produziert nicht keinen Abfall – der Verpackungsabfall bleibt einfach im Laden. Klar ist es weniger – aber halt nicht Zéro. Wenn Béa Johnson diesen indirekten Abfall nicht mitrechnet, macht sie sich und ihren AnhängerInnen etwas vor.
  • Man kann Abfall auch einfach anderen KonsumentInnen delegieren: Die Kleider auf dem Flohmarkt verkaufen, bevor sie kaputt sind – dann müssen sie die nächsten Besitzer entsorgen. Oder das zweitneuste Smartphone weiterverkaufen und sich dann das neuste kaufen.
  • Mein wichtigster Vorbehalt: Selber „rein“ zu bleiben und jaaaa keinen Fehler machen bindet sehr viel Energie. Den Aufwand, den man treibt, um ja keinen Abfall zu produzieren (oder um ausschliesslich vegan zu essen und zu leben, oder um ein Jahr lang „ums tüüfls gwalt“ keine Konsumartikel zu kaufen etc. etc.) nimmt einem die Energie und raubt einem die Zeit, die man nötig hätte, um sich dafür einzusetzen, dass sich gesellschaftlich etwas verändert.

Trotz dieser Einwände: Komplett falsch liegt Béa Johnson nicht. Wir produzieren tatsächlich viel zu viel Abfall (und wir essen auch zu viel Fleisch und Milchprodukte, nebenbei bemerkt). Das ist ein grosses Problem, und Béa Johnson ist eine grossartige Motivations-Rednerin und eine gute Autorin. So kann sie unbestreitbar dazu inspirieren, sich Gedanken darüber zu machen, wie es denn mit weniger Abfall gehen würde.

Tauschen, Mieten, Reparieren, Reduzieren – das alles ist gut und sehr wichtig. Läden wir Original Unverpackt in Berlin oder auch der Bachser Märt, der in der Fililale Kalkbreite in Zürich über 50 Produkte unverpackt anbietet, sind wichtige Pioniere. Denn wir haben ein riesengrosses Plastikproblem . Und ein ziemlich verkanntes Sekundärrohstoff-Verschwendungsproblem (2). Und überhaupt ein Umweltproblem.

Genau genommen hat unser Planet ein Menschenproblem.

abfall

Gewisser Abfall ist einfach nur – *grr*: Zum Beispiel Calida

Heute habe ich ein neues Unterhemd gekauft. Ich habe mich für eines von Calida entschieden, denn der Laden im Dorf führt diese Marke und ich weiss, dass dieses Hemdchen lange schön bleiben wird, also lange nicht im Abfall landen wird. Nur war es leider in einen äusserst stabilen Kunststoffumschlag verpackt. Und das, obwohl Calida sich einiges vorgenommen hat in Sachen Nachhaltigkeit – nachzulesen im CSR-Report 2014 (den man übrigens auf der Calida-Website löblich schnell findet). Das hat mich dazu bewogen, Calida ein Mail zu schreiben:

Calidaplastikganz„Sehr geehrte Damen und Herren
Heute habe ich mir ein neues Unterhemd gekauft. Ich habe mich für eines von Calida entschieden, weil ich weiss, dass dieses lange halten wird. Das ist mir wichtig, denn wir produzieren in der Schweiz viel zu viel Abfall.
Es gefällt mir, dass Calida gemäss CSR-Report Wert auf Recycling und Müllvermeidung legt. Leider habe ich mich nicht für eines jener Produkte entscheiden können, das am Bügel angeboten wird. Die waren mir alle zu spitzenverziert, ich brauchte hingegen ein schlichtes Sporthemd. Und hier widerspricht die Verpackung Ihrem Anspruch leider stark: Die Plastikverpackung ist von einer Stärke und Wertigkeit, die absolut überflüssig ist. Sie schreiben, die „Produkteverpackungen dienen primär der optimalen Information der Kunden“ (CSR-Bericht, Seite 27). Die Information auf dem Plastik besteht aber lediglich im aufgeklebten Preisschild. Das wäre sicher mit sehr viel weniger Verpackungsmüll möglich.  Ich stelle mir zudem vor, dass mit einer weniger aufwändigen Verpackung auch das Transportvolumen reduziert werden könnte.
Es würde mich sehr freuen, wenn Sie Verpackungsalternativen prüfen würden.
Mit freundlichen Grüssen, Katia Weibel“

Ich bin gespannt, ob ich von Calida eine Antwort bekomme, und wie sie lautet.

*****

(1): Die Prizipien der Abfall-Verminderung, die Béa Johnson promotet, sind grundsätzlich sehr sinnvoll und im Alltag ein hilfreicher Merksatz – aber wie bei allem, bitte massvoll damit umgehen:
Refuse, Reduce, Reuse, Recycle and Rot
(Abfall verweigern, reduzieren, wiederverwenden, rezyklieren, und kompostieren).

(2): Dazu eine interessante Studie des GDI:
http://www.gdi.ch/media/summaries/2012_D_GKR_Recycling_Summary.pdf 

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